Lokale Wirtschaftsförderung klingt schnell nach Strategiepapieren und Standortkonzepten. Manchmal beginnt sie aber einfach damit, dass sich Menschen auf einer Party kennenlernen, gemeinsam Dinge ausprobieren und sich über Jahre immer wieder über den Weg laufen. So war es auch bei uns. Das ist die Geschichte vom Makerspace Gießen und dem Designbüro Studio Gross Klein.
Eine Kirche, ein grauer Teppich und die ersten 3D-Drucke
Frühjahr 2018. Wir waren mal wieder auf einer der legendären Partys der Theaterwissenschaftler*innen. Wir stampften im Technobeat, Bier in der Hand, und in jeder Verschnaufpause redeten wir über unser nächstes großes Projekt: Die Gründung eines Makerspaces.
Wir hatten damals die Möglichkeit, die Räume einer leerstehenden neuapostolischen Kirche für drei Monate nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Die Kirche bestand aus einem großen Hauptsaal mit ca. 200 m² und grauen Teppichboden. Dort sollte unser erster Makerspace Platz finden.

Den unterkellerten Anbau nutzten wir als temporäre Holzwerkstatt, um unsere Einrichtung bauen zu können. Mit jeder Menge OSB-Platten und Holzlatten verwandelten wir den Kirchenraum in schlaflosen Nächten vom angeschmuddelten 50er-Jahre-Schick in eine holzige Kreativwerkstatt.

Johannes und Falko waren damals für uns noch eine dieser Partybekanntschaften. Ihre Gesichter kamen uns vertraut vor, aber wir wussten eigentlich gar nicht, woher wir sie kannten. Für Gießen ist das ziemlich typisch.
Auf der besagten Theaterparty kamen wir das erste Mal näher ins Gespräch. Die beiden hatten gerade ihr Designbüro Studio Gross Klein gegründet und erzählten von einem eigenen Spielsystem, an dem sie gerade arbeiteten. Und sie erzählten, dass ihre ersten Prototypen aus dem 3D-Drucker kamen.
Für uns war das damals der Auslöser für unsere 3D-Druck-Ausstellung in unserem improvisierten Makerspace. Wie cool wäre es zu zeigen, wo 3D-Druck hier in der Region schon überall eingesetzt wird? Das macht die Ausstellung nicht nur anschaulicher, sondern schafft auch gleich ein Netzwerk.
Ein paar Wochen später standen ihre Prototypen auf unserem grauen Kirchenteppich.
Immer wieder Makerspace
Danach liefen wir uns immer wieder über den Weg.
Falko und Johannes kamen mit neuen Ideen in die Werkstatt. Sie scannten einen selbst entworfenen Griff für ein Schweißgerät, bauten eine Polfilteruhr oder arbeiteten an servobetriebenen Messeexponaten.
Irgendwann zogen wir aus der Kirche in die Walltorstraße. Unsere Räume wurden größer. Neben 3D-Druckern hatten wir nun auch einen Laser und weitere CNC-Maschinen. Immer mehr Menschen nutzten unsere Werkstatt, und auch Falko und Johannes kamen weiterhin vorbei.
Die Tragweite zufälliger Begegnungen
Bei Bauarbeiten rund um das Studio der beiden kam es zu Erdverschiebungen. Plötzlich zeichneten sich an der Decke große Risse ab und die beiden mussten sicherheitshalber die Räumlichkeiten verlassen.
In dieser Zeit überließen sie uns ihre Tiefziehmaschine. Und wir hielten die Augen offen, ob sich irgendwo eine neue Fläche auftun könnte.
Irgendwann war Ilona bei uns.
Ilona ist Kunstschmiedin und kam in den Makerspace, um Schmuck zu scannen. Währenddessen erzählte sie eher nebenbei, dass sie gerade ein Studio in einem neu erschlossenen Areal in Heuchelheim bezogen und noch Platz in ihrer Werkstatt hätte.
Wir mussten natürlich sofort an Falko und Johannes denken.
Bei Ilona zogen sie am Ende zwar nicht ein, aber durch Ilonas Hinweis fanden sie ihre heutigen Flächen direkt gegenüber.
Ein Besuch bei Studio Gross Klein
Anfang 2025 haben wir es endlich geschafft, Falko und Johannes in ihrem Studio zu besuchen.
Viel Licht, große Arbeitstische, Lampenschirme an der Decke. In den Regalen Mechanismen, Modelle, Farben, Materialien und jede Menge Dinge, bei denen wir sofort genauer hinschauen mussten. Vieles davon kannten wir bereits.
Da waren die Kisten mit ihrem Spielsystem. Die ersten Prototypen hatten schon damals bei uns in der Kirche viele Besucher fasziniert.

Und da lag auch der Schweißgriff in verschiedenen Ausführungen.
Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie wir versucht haben, diesen Griff an einem dünnen Bindfaden aufzuhängen, um ihn in unserer Werkstatt von allen Seiten zu scannen.
Wir gingen staunend durch das Studio und riefen immer wieder: „Ah, weißt du noch?“ oder „Guck mal, so sah das damals aus!“
Das war ein besonderer Moment. Denn plötzlich waren das nicht einfach nur Produkte und Prototypen. An vielen davon hing auch eine kleine Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte.

Warum ein Designstudio einen Makerspace unterstüzt
Falko und Johannes haben sich inzwischen entschieden, den Makerspace mit einer Patenschaft zu unterstützen. Sie kennen selbst den Wert solcher Orte und möchten dazu beitragen, dass auch andere Menschen diese Möglichkeiten haben.
Und unsere gemeinsame Geschichte geht weiter. Für ein neues Projekt haben die beiden zwei 3D-Drucker von uns übernommen, die wir gerade nicht brauchen. Bald werden wieder neue Exponate von ihnen bei uns in der Ausstellung stehen.
Die Wirkung erkennt man in den Geschichten
Wir werden oft gefragt, wie wir die Wirkung des Makerspaces messen.
Natürlich zählen wir Besucher*innen, Workshops, Schulklassen und Veranstaltungen. Das müssen wir auch.
Aber wenn wir wissen wollen, was dieser Ort tatsächlich bewirkt, denke wir eher an Geschichten wie diese. Dann denken wir an ein Gespräch vor einem Club, an Prototypen auf einem grauen Teppich und an diesen Schweißgriff an einem Bindfaden. Oder an Ilona, die beim Schmuckscannen nebenbei von einer freien Fläche erzählt. Und daran, dass wir Jahre später durch ein Studio laufen und überall kleine Teile dieser gemeinsamen Geschichte wiederfinden.
Unsere Räume sehen heute ziemlich anders aus. Wo früher grauer Kirchenteppich lag, haben wir heute ordentliches Industrieparkett. Aber dass hier Leute auftauchen, Sachen ausprobieren und sich irgendwie gegenseitig weiterhelfen, ist geblieben.
Danke an Falko und Johannes und natürlich all die anderen Menschen, die über die Jahre bei uns aufgetaucht und geblieben sind.
Wenn ihr sehen wollt, woran Falko und Johannes heute arbeiten, schaut bei Studio Gross Klein vorbei.