Mittwochnachmittag, kurz nach vier. In der Garderobe in unserem Veranstaltungsraum stehen drei Schulranzen an der Wand, bunt, vollgestopft, ein bisschen schief. Die dazugehörigen Kinder finden wir hinten in der Werkstatt. Nah am Bildschirm, fokussiert auf das geöffnete CAD-Programm, die Maus fest im Griff, die Finger schon etwas weiß.
Die kleinen Designer:innen sind vielleicht 7 oder 9? Es ist Mittwoch und ihr Schulunterricht ist auf jeden Fall schon längst vorbei. Letzte Woche waren sie noch mit ihrer Klasse da in einem Schulworkshop bei uns. Zwei Stunden, Einführung in den 3D-Druck. Diese Woche kommen sie alleine. Freiwillig, keine Lehrkraft in Sicht.
Genau das sind die Momente in denen wir spüren, dass wir hier alles richtig machen.
Was bringt schon ein Workshop?
Seit mehreren Jahren bieten wir Schulworkshops an. Mittlerweile sind es rund 15 bis 20 pro Jahr. Von der Grundschulklasse über den Matheleistungskurs, sie kommen alle und die Warteliste ist immer voll. Das Spannende: Unsere Schulworkshops unterscheiden sich nicht grundlegend von denen für Erwachsene. Klar, wir passen etwas die Sprache und den Umfang je nach Gruppe an, aber der Kern bleibt gleich: Konstruieren, die Maschine bedienen, und verstehen wo diese Technik im Alltag, in der Wirtschaft und vielleicht im eigenen Beruf eine Rolle spielt.
Bei unseren 3D-Druck-Workshops lernen die Teilnehmer:innen nicht nur eigene Objekte zu konstruieren und die Drucker zu bedienen. Sie lernen auch warum Handyhüllen nicht in Masse mit 3D-Druckern produziert werden und wann man eine Handyhülle doch mit dem Drucker produzieren würde. Sie erfahren vom 3D-gedruckten Rechenzentrum in Heidelberg und von 3D-gedruckten Prothesen bei den Paralympics, aber auch, warum eine junge Frau mit einem spontanen Trip doch mit ihrem alten Reisekoffer verreisen konnte, weil sie am Vorabend ihres Abfluges bei uns ein Ersatzteil drucken konnte. Unsere Workshops sind für alle geeignet und einfach gehalten und doch nicht unanspruchsvoll.
Wir haben schon oft gehört, dass ein Workshop nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Was kann man schon in zwei Stunden bewirken? Wir wissen aus Erfahrung: eine ganze Menge. Am Ende halten die Kinder etwas in der Hand, das vorher nicht existiert hat. Das klingt erstmal nach einem netten Ausflug. Ist es auch. Aber es passiert etwas, das über den Tag hinausreicht.
Die Kinder kennen jetzt den Raum. Sie kennen die Gesichter. Sie wissen, wo der Eingang ist und dass man hier einfach reinkommen darf. Die Hemmschwelle, den Makerspace in der Freizeit zu besuchen, sinkt von „unbekannter Ort“ auf „da war ich schon mal.“ Und für manche reicht genau das.
Was im Makerspace anders ist als im Klassenraum
Im Klassenzimmer gibt es Rollen. Die Lehrkraft erklärt, die Schüler:innen folgen. Es gibt Noten, es gibt richtig und falsch, es gibt eine Glocke die sagt: Die Zeit ist um. Das ist nicht schlecht, Schule leistet etwas Enormes. Aber es setzt Grenzen für bestimmte Arten des Lernens.
Im Makerspace gibt es keine Noten. Kein Curriculum. Keinen festen Zeitrahmen. Wenn etwas nicht funktioniert, ist das kein Fehler auf einem Bewertungsbogen, es ist ein Grund, es anders zu versuchen. Die Psychologin Amy Edmondson nennt das Psychologische Sicherheit: eine Umgebung, in der Fehler machen nicht bestraft wird, sondern zum Lernen gehört. In solchen Umgebungen trauen sich Menschen mehr. Auch Kinder. Besonders Kinder.
Und dann passiert etwas, das im Klassenraum selten möglich ist: Ein Grundschulkind sitzt neben einem Studenten. Oder neben einer Rentnerin die gerade ihren ersten Laserschnitt macht. Oder neben einem Berufstätigen der abends an einem Hobbyprojekt arbeitet. Niemand fragt nach Alter oder Vorwissen. Die einzige Frage die zählt: „Wie krieg ich das hin?“
Makerspaces sind solche Gemeinschaften. Orte, an denen Wissen nicht von oben nach unten vermittelt wird, sondern zwischen Menschen entsteht, die gemeinsam an etwas arbeiten. In der Lernforschung nennt man das Community of Practice (Lave & Wenger). Kinder lernen hier nicht nur 3D-Druck. Sie lernen, dass Lernen keine Altersfrage ist. Dass man Fremde um Hilfe bitten kann. Dass es Orte gibt, an denen Nicht-Wissen kein Makel ist, sondern der Grund warum man da ist.
Der Moment, der den Unterschied macht
Jetzt zurück zu den Schulranzen im Flur.
Der Workshop letzte Woche war gut. Die Kinder hatten Spaß, sie haben etwas gelernt, sie haben etwas mit nach Hause genommen. Aber der eigentliche Moment passiert jetzt, eine Woche später. Ohne Lehrkraft, ohne Lehrplan, ohne äußeren Anlass.
In der Psychologie gibt es ein Konzept das James Clear identitätsbasierte Gewohnheiten nennt. Der Unterschied zwischen „Ich hatte einen Workshop in der Schule“ und „Ich gehe in den Makerspace“ klingt nach Wortklauberei. Ist es nicht. Das eine ist ein Erlebnis. Das andere ist der Anfang einer Identität. Und Identitäten halten länger als Erlebnisse.
Wenn ein Kind freiwillig zurückkommt, hat sich etwas verschoben. Nicht auf dem Papier, im Kopf. Aus „Das war cool“ wird „Das bin ich.“ Das ist echte Selbstwirksamkeit. Die Überzeugung, etwas schaffen zu können. Sie entsteht nicht durch Lob oder Zertifikate. Sie entsteht durch die eigene Erfahrung: Ich habe es gemacht. Mit meinen Händen. Es funktioniert. Und jetzt will ich mehr.
Warum Schulen Makerspaces brauchen. Und Makerspaces den Raum außerhalb der Schule.
Makerspaces in Schulen sind großartig. Jede Schule die einen hat oder aufbaut, macht etwas Richtiges. Aber ich glaube, dass ein externer Makerspace etwas anderes ermöglicht, etwas, das im schulischen Kontext schwer herzustellen ist.
In der Schule bleibt ein Kind ein Schüler. Mit Note, mit Rolle, mit Erwartung. Im externen Makerspace fällt das weg. Hier ist ein Drittklässler einfach jemand, der gerade eine Handyhülle konstruiert. Genau wie die Person am Nebentisch, die zufällig 34 ist. Dieser Rollenwechsel ist kein Detail, er ist der Kern.
Dazu kommt: Ein externer Raum bringt Kinder mit Menschen zusammen, die sie in der Schule nie treffen würden. Andere Altersgruppen, andere Hintergründe, andere Projekte. Wir wissen mittlerweile, dass Vorurteile und Berührungsängste nicht durch Reden verschwinden, sondern durch gemeinsames Tun an einem geteilten Ziel. Ein Makerspace ist genau so ein Ort.
Also: Schule und Makerspace sind kein Entweder-Oder. Der Schulworkshop legt den Grundstein. Er macht den Raum vertraut, senkt die Schwelle, gibt die erste Erfahrung. Und der externe Makerspace gibt dem etwas, das keine Schule ersetzen kann: einen Ort, an dem Kinder freiwillig lernen, ohne Stundenplan, ohne Glocke, neben Menschen die sie vorher nicht kannten.
Drei Schulranzen und eine offene Tür
Die drei Schulranzen stehen noch in der Garderobe. Drinnen wird konstruiert, gefragt, ausprobiert. Irgendwann packt jemand zusammen und sagt: „Bis nächste Woche.“ Ganz beiläufig. Als wäre es selbstverständlich.
Vielleicht ist es das auch. Vielleicht braucht es manchmal nur einen einzigen Workshop, eine offene Tür und jemanden der sagt: Du kannst jederzeit wiederkommen.
Dass unsere Schulworkshops kostenfrei sind, ist nicht selbstverständlich. Hinter den 15 bis 20 Workshops im Jahr stehen Sponsoren, die das möglich machen: Der VDI Bezirksverein Mittelhessen finanziert unsere 3D-Druck-Kurse für Schulen, Schunk ermöglicht unsere Robotik- und Arduino-Workshops. Kein Vorwissen nötig, keine Kosten für die Schulen. Dass das so bleiben kann, hängt davon ab, dass solche Partnerschaften weiterwachsen.