Schule anders denken: Ein Jahr Lösungsfinder*innen-AG im Rückblick

Was hättest du dir damals in der Schule gewünscht zu lernen?


Diese Frage hat uns durch ein ganzes Schuljahr begleitet. Sie war Kompass und Antrieb zugleich. Sie führte uns zu einer Idee: Wenn Schule die Fragen des echten Lebens nicht beantwortet, warum nicht selbst Räume schaffen, in denen Jugendliche genau das lernen können?

Gemeinsam mit dem Technologie- und Innovationszentrum Gießen und gefördert durch den Sozialinnovator Hessen vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlicher Raum haben wir im letzten Jahr die Lösungsfinder*innen-AG ins Leben gerufen. Ein Projekt unserer flux – werk gGmbH, mit der wir auch den Makerspace in Gießen betreiben. Unser Ziel: Jugendlichen Mut machen, eigene Ideen umzusetzen, und ihnen spielerisch die Fähigkeiten mitzugeben, die sie in einer sich ständig verändernden Welt brauchen. Fähigkeiten, die oft als „Future Skills“ bezeichnet werden: Kreativität, Problemlösung, kritisches Denken, technologische Kompetenzen. Für uns bedeutet das jedoch noch mehr. Es bedeutet, neugierig zu bleiben und auch Dinge zu lernen, auf die man vielleicht erst einmal keine Lust hat. Eine Kostenkalkulation oder das Ausfüllen eines Steuerformulars zum Beispiel. Denn wenn der Zweck klar ist, wird selbst vermeintlich Trocknes greifbar und wichtig.

Von der Idee zum fertigen Produkt

Vierzehn Schüler*innen aus vier Gießener Schulen wagten im letzten Schuljahr ein Abenteuer. Ohne Vorerfahrung, aber mit viel Neugier starteten sie in ein Projekt, das von Anfang an offen war. Entwickelt ein Produkt, von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Keine Vorgaben. Keine vorgefertigten Lösungen. Nur echte Herausforderungen.

Herausforderungen gab es viele. Enge Zeitpläne, parallele Schulaufgaben, Sportvereine, Praktika. Die Kalender der Jugendlichen waren voll und doch fanden sie Wege, gemeinsam dranzubleiben. Wir merkten schnell, wie wichtig die Mischung aus spielerischen Ansätzen und echter Augenhöhe war. Lernen darf Spaß machen und gleichzeitig dürfen wir Jugendliche ernst nehmen, ihnen Verantwortung geben und sie wie Partner behandeln. Beides schließt sich nicht aus. Im Gegenteil, es verstärkt sich.

Momente die in Erinnerung bleiben: Stolz und Mut

Der Moment kurz vor der Vorstellung der Schüler*innen beim Gründungsstammtisch – die Spannung war mit Händen greifbar.

Der Moment, in dem die Schüler*innen ihre fertigen Produkte zum ersten Mal in den Händen hielten, war unvergesslich. Ein mobiles Schachbrett für kurze Partien in der Fünf-Minuten-Pause. Und ein Termin- und Motivationsplaner, der half, den Alltag besser zu strukturieren und Ziele im Blick zu behalten. Erst Unglaube, dann Stolz. Diese Gesichter, dieses „Wir haben das wirklich gemacht!“ Dafür machen wir solche Projekte.

Ein weiteres Highlight war die Gründungsmesse. Dort vernetzten sich die Jugendlichen mit anderen Gründer*innen, holten Angebote für die Produktion ihrer eigenen Produkte ein und knüpften erste Kooperationen. Anfangs noch schüchtern, später immer mutiger, selbstbewusster und professioneller.

Am Ende des Schuljahres folgte der Auftritt beim Gründungsstammtisch. Herzklopfen, Nervosität und dann Applaus. Spätestens hier wurde spürbar, wie sehr die Jugendlichen über sich hinausgewachsen waren.

Am Anfang hatte ich Angst, mit fremden Leuten zu sprechen. Nach der Messe war das normal. Jetzt traue ich mich sogar, bei Firmen anzurufen.“ (Teilnehmer, 15 Jahre)

Der erste Prototyp des Schach-Tresors war direkt so gut, dass nur noch kleinere Veränderungen vorgenommen werden mussten.

Was wir gelernt haben und warum Future Skills mehr sind als Schlagworte

Wenn wir heute auf das Jahr zurückblicken, sehen wir mehr als fertige Produkte. Wir sehen Jugendliche, die gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen. Die verstanden haben, wie man ein Projekt plant, wie man Preise kalkuliert und eine Präsentation hält. Die erlebt haben, dass es nicht reicht, eine gute Idee zu haben. Man muss sie auch umsetzen können. Lernen durch Machen, so wie wir es im Makerspace tagtäglich leben.

Besonders prägend waren die vielen praktischen Aha-Momente. Wie recherchiere ich sinnvoll bei Google, ohne mich in Informationen zu verlieren? Wie berechne ich die Materialkosten für mein Produkt und entscheide, ob ein Aufpreis für eine Namensgravur Sinn macht? Welche Watt-Zahl braucht unser Laser, um 3 mm Sperrholz sauber zu schneiden, ohne es zu verbrennen?

Und dann der Sprung ins Digitale: eine eigene Website bauen. Nicht mit großem Vorbau und monatelanger Planung, sondern einfach machen. Ein Nachmittag, WordPress aufgesetzt, Texte geschrieben, online gegangen. Dieses „einfach ausprobieren“ hat viel mehr gelehrt als jeder theoretische Vortrag es je könnte.

Ein besonders eindrückliches Beispiel für diese Praxisnähe war unser Bewerbungstraining. Eigentlich war das gar nicht Teil des ursprünglichen Plans. Aber mehrere Schüler*innen mussten sich parallel für Praktika bewerben. Statt das Thema zu verschieben, haben wir es spontan aufgenommen: Wie präsentiere ich mich? Wie trete ich selbstbewusst auf? Und wie gehe ich damit um, wenn ich später vielleicht selbst einmal einstelle und Bewerbungen beurteilen muss? Plötzlich war das kein abstraktes „irgendwann mal wichtig“, sondern eine konkrete Hilfe im Hier und Jetzt. Und genau das macht den Unterschied: Wenn Lernen Sinn ergibt, wächst die Motivation von selbst.

Plötzlich sind „Future Skills“ nicht mehr Schlagworte, sondern Fähigkeiten, die man spürt. Wenn man beim Bewerbungstraining im Rollenspiel nervös ist, den Anruf wagt und danach merkt: „Ich kann das!“ Wenn man sieht, wie ein Prototyp entsteht und begreift, dass man selbst etwas erschaffen kann, das vorher nur eine Idee im Kopf war.

Ich hätte nie gedacht, dass wir sowas wirklich hinkriegen.“ (Teilnehmerin, 14 Jahre)

In einem selbst gestalteten Kalender zu schreiben, ist etwas ganz besonderes. Dazu noch, wenn er als Kleinserie aufgelegt wird!

Die Produkte

Mobiles Schachbrett:
Ein mobiles, Schachbrett, bei dem man Partien speichern kann und somit perfekt für kurze Pausen ist.

Termin- und Motivationsplaner:
Ein Planer, der Schüler*innen hilft, ihre Ziele im Blick zu behalten und den Alltag entspannter zu gestalten.

Was bleibt und wie es weitergeht

Vielleicht ist das größte Learning für uns: Wir können nicht darauf warten, dass sich Schule von oben verändert. Wir können aber jetzt anfangen, Räume zu schaffen, in denen Jugendliche lernen, was sie wirklich brauchen. Räume, in denen sie ausprobieren dürfen, Verantwortung übernehmen, scheitern und daran wachsen. Die Lösungsfinder*innen-AG war genau so ein Raum.

Im neuen Schuljahr geht es weiter. Mit frischen Ideen und neuen Inhalten, wie dem Thema „Wie gebe ich konstruktives Feedback?“, das wir im letzten Jahr spontan eingebunden haben und nun von Anfang an mitdenken. Wir sind gespannt, welche Produkte, welche Geschichten und welche Momente uns dieses Mal in Erinnerung bleiben werden.

Wir sind nach einem Jahr auf jeden Fall überzeugt: Jugendliche brauchen keine perfekten Antworten. Sie brauchen Räume, in denen sie ihre eigenen Antworten finden dürfen. Und genau da fängt Zukunft an.

Danke an unsere Partner

Dieses Projekt wäre ohne Unterstützung nicht möglich. Danke an das Technologie- und Innovationszentrum Gießen, welches den Sozialinnovator Hessen leitet. Dieser sowie die Mittel für das Projekt wurden vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlicher Raum finanziert.

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